Klartext im Oktober

Einsichten von Kathrin

Mut wohnt auf der höchsten Klippe

Am Ende eines jeden kreativen Schaffensprozesses steht der Moment, in dem das eigene Werk präsentiert, das Innere nach Außen gestülpt und der allgemeinen Betrachtung zur Schau gestellt wird. Ein Buch, an dem lange geschrieben, ein Song, an dessen Melodie und Text gefeilt, ein Rezept, für dessen perfekte Komposition mit Mengen und Zutaten jongliert wurde, findet seinen Weg nach draußen, trifft auf  Leser, Musikliebhaber, Gourmets. Der kritische Punkt, den es zu überwinden gilt, bevor das eigene Schaffen den Weg zum Publikum findet, erfordert vor allem eines: Mut. Viel davon. Sehr viel.

 

Denn wie auch immer ein kreatives Projekt aussehen mag, es besteht aus weit mehr als nur aus Stilmitteln, Akkorden und Backpulver. Der Hauptbestandteil ist Herzblut, das in rauen Mengen fließt, als steter Strom, als unerlässliche Antriebsquelle. Ohne Herzblut geht es nicht, da lässt sich nicht schreiben, malen, komponieren, entwickeln, entwerfen, produzieren.

 

Herzblut und Mut verknüpfen sich zur untrennbaren Struktur, verweben sich zur Basis, zum Fundament, das überhaupt erst erlaubt, sich zu öffnen, Besucher einzuladen und hineinzubitten an den Ort, wo die Phantasie entspringt, tief im Zentrum der eigenen Kreativität, dort, wo der Schaffensprozess den Motor anwirft für das, was Hände, Augen, Ohren, Gaumen dann umsetzen. Es ist ein Sich-Öffnen, ein Blankziehen, und ja – es bedeutet auch, sich zum Abschuss freizugeben.

 

Bewertung ist immer da, wo etwas gezeigt wird, positive wie negative, Zustimmung und Ablehnung gehen Hand in Hand. Jeder Künstler, sei es an der Staffelei oder am Herd, im Tonstudio oder in der Schreibstube, sehnt sich nach Zustimmung und fürchtet die Ablehnung. Die Zustimmung versteht man als Wertschätzung seines Schaffens, die Ablehnung dagegen reicht tiefer, wird gleichgesetzt mit einer Beurteilung der eigenen Person.

“Sind wir es doch, die in diesem Buch stecken, die Teile ihrer Seele in einen Songtext packen und wir sind es, an denen die Kritik Spuren hinterlässt, eine tiefe Schneise von Zweifeln, Ackerfurchen gleich, Narben an unserem Selbstbewusstsein, von denen manche niemals verblassen, immer spürbar bleiben, als sanfte Wulste des eigenen Versagens. Eine dieser Narben kann ich noch ertasten.”

Sie stammt aus einer Zeit, als ich, vierzehnjährig, den Worten schon immer mehr zugetan als Zahlen oder physikalischen Formeln, meine Freizeit mit dem Entwurf meines ersten Romans zugebracht habe anstatt für die Schule zu lernen – sehr zum Unmut meiner Eltern und Lehrer. Der Wunsch, Autorin zu werden, für und von Büchern zu leben, trieb schon damals so wild in mir Wurzeln, dass er sich fest in mir verankerte, so fest, dass an seinem Gedeihen und Tragreichtum keinerlei Zweifel bestanden. Bis … ja, bis ich schließlich all meinen Mut zusammennahm und meinem damaligen Deutschlehrer den ersten Entwurf zu lesen gab und um seine Meinung bat. Noch heute spüre ich die  Narbe im gleichen hektischen Takt schlagen wie einst mein Herz, als ich den dicken Packen DIN A4 Hefte überreichte und mein Werk nicht nur meine Hände, sondern zugleich meinen alleinigen Zugriff verließ und in den eines anderen wechselte. Zum ersten Mal erlaubte ich einem anderen Menschen, in meinen Kopf zu blicken, zwischen den Zeilen meiner Seele zu lesen.

 

Auch jetzt noch, wenn ich Texte zum ersten Mal Testleserinnen überlasse, bin ich wieder der zitternde Teenager mit dem bedenklich stolpernden Herz. Zuverlässig türmt sich auch heute noch jene Klippe des Sich-selbst-Überwindens auf, muss immer wieder aufs Neue bezwungen werden. Und jedes Mal endet das Erklimmen mit dem Sprung ins Ungewisse. Man weiß nie im Voraus, in welches Meer man auf der anderen Seite stürzt, ob ein warmes, sanftes Gewässer wartet, auf dessen Wellen der Zustimmung man wohlwollend hin und her schaukelt oder aber die stürmische See, mit garstigem Gegenwind, der als Kritik und Ablehnung ins Gesicht peitscht. Manchmal ist es eine durchwachsene Mischung aus gewogenen Wellen und kalten, unbarmherzigen Strömungen und mittlerweile habe ich gelernt, sicher darin zu schwimmen, ohne zu waghalsig auf den Wellen zu reiten oder mich von Strömungen unter die Oberfläche ziehen zu lassen.

 

Als Vierzehnjährige jedoch ging ich gnadenlos unter, denn mein mutiger Sprung endete im eiskalten Wasser, als mein Lehrer mir den Stapel Hefte mit den nüchternen Worten zurückgab: „Ich habe es nicht zu Ende gelesen. Vielleicht solltest du dich an kürzeren Texten versuchen. Ein Roman überfordert dich, den Ansprüchen bist du nicht gewachsen.“

“Konstruktive Kritik, sicherlich berechtigt, und doch hat sie einen tiefen Kratz hinterlassen: die ewig pulsierende Narbe, nicht genug zu sein.”

Es mag auf das Konto meines unausrottbaren Trotzes gehen, dass mich diese Erfahrung nicht davon abgehalten hat, an meinem tief verwurzelten Traum festzuhalten, an meiner Liebe zu Worten, dem inneren Streben, mir die Welt in meinen eignen Texten begreifbar zu machen, das Unaussprechliche zu benennen, Gefühle aus ihrer diffusen Konturenlosigkeit zu reißen und in Formen zu pressen, für mich selbst und für andere, als Möglichkeit, sich darin wiederzufinden. Aber die Angst der Vierzehnjährigen, nicht gut genug zu sein, läßt sich bis heute nicht ablegen und so wie ich sie nach all den gemeinsamen Jahren einschätze, wird sie auch niemals ganz verschwinden.

 

Und vielleicht darf sie auch nie gänzlich verschwinden, vielleicht ist diese Angst ein ganz natürlicher, wichtiger Teil des Prozesses des Sich-Öffnens, Sich-Präsentierens und egal, wie viel Überwindung es kosten mag, die steile Klippe zu erklimmen, um den Gipfel zu erreichen, auf dem der Mut thront, man muss es da hoch schaffen, um seiner selbst und des geopferten Herzbluts willen.

“Und man oben steht gibt es nur eine Option: springen.”


 

Autorin

Kathrin Waiz

 

Kathrin ist diejenige, die Worte für das Unaussprechliche findet. Und für das Blödsinnige, das intensiv Alberne und das erschreckend Traurige. Mehr über Kathrin Waiz…


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